„Wir gründen Deutschlands grösste Stadt“
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Welch ein Erfolg! Was für ein Tag! "Heute war Ruhrstadt", schrieb ein Besucher des RuhrStadt-Standes ins Gästebuch. "Siehste: geht doch!" kommentierte das ein anderer.
Plusminus drei Millionen Menschen, in aller Vielfalt, fast alle gut gelaunt, blauer Himmel, Schäfchenwolken, keine Bratwurst, aber viel Musik: Das Ruhrgebiet hat sich auf dem Ruhrschnellweg selbst gefeiert - und war erstaunt, wie gut das geht. Fritz Pleitgen, dem Erfinder der Mega-Party von Duisburg bis Dortmund, gehört ein Denkmal gesetzt. Am besten mitten auf der Autobahn.
Viertel vor elf an der Auffahrt Bochum-Hamme: Schon sammeln sich hunderte von Radfahrern und Fußgängern, und es werden minütlich mehr. Wartezeit. Punkt 11 erst soll der Zugang freigegeben werden. Eine Famillie schraubt in Seelenruhe schon mal einen transportablen Kicker zusammen. Bei allem Gedränge herrscht gelassene Ruhe. Die Ordner zeigen sich schließlich flexibel: Um zehn vor 11 gehts los.
Kurz nach 11 ist die A40 wieder so belebt wie immer, nur ohne Autos. Wo die Edeka-Trucks stehen, bilden sich Fahrrad-Staus. An den üblichen Baustellen auch.
Der Stand der RuhrStadt-Initiative und des Vereins pro Ruhrgebiet ist an der Ausfahrt Wattenscheid-West platziert. Hier ist das Ruhrgebiet ganz bei sich selbst. Oder, frei nach Frank Goosen: Schön is hier nich.
Aber, kaum sind die Transparente entrollt und Roland Kirchhof hat per Megaphon die erste Ansage gemacht - er offenbart ein ungeahntes Talent; der Geschäftsführer von pro Ruhrgebiet muss in einem früheren Leben Kirmesbudenverkäufer gewesen sein -, drängen sich Besucher am Stand und füllen das RuhrStadt-Quiz aus. Was sich als gar nicht ganz einfach erweist. Immerhin werden so die Flug- und Faltblätter durchgelesen, nach dem Motto: Da stehen doch sicher die richtigen Antworten drin. Von wegen. pro Ruhrgebiet ist nicht RTL II.
Besonders begehrt, neben den Karten für den Mondpalast: die Safari-Kappen mit dem Ruhrstadt-Aufdruck, Typ Wüstenfuchs. Genau das richtige für einen Tag voller Sonne und eine Expedition ins Unbekannte. Viele fragen: Wo kann man die kaufen? Leider (noch?) nirgendwo.
Mittags ein Fahrrad-Trip Richtung Essen. Hohe Konzentration ist erforderlich. Wo kommen all die Räder her? Wo sind die sonst? Immerhin: gefühlt dauert die Fahrt von Wattenscheid-West bis Essen-Kray nicht länger als sonst im Auto. Oberhalb der hohen Lärmschutzwand hat sich eine Familie eine "VIP-Lounge" eingerichtet und demonstriert Ruhri-Humor: "He Ordner, macht Platz! Unser Pizza-Taxi kommt!"
Uns fällt ein alter Sponti- Spruch ein: Anarchie ist machbar, Herr Nachbar! Gut organisierte Anarchie, ja.
Wir schieben. Vor Frillendorf geben wir auf. Wattenscheid soll uns für heute genügen. Essen, Mülheim und Duisburg müssen ohne uns auskommen. Ruhrstadt ist hier schließlich überall. Und das Schöne ist: niemand drängelt, niemand wird ungeduldig. Wo jemand Hilfe benötigt - etwa weil er sein Fahrrad gegen die Regeln über die Leitplanken hievt - bieten sich augenblicklich Passanten als Helfer an. Die Stimmung ist heiter und gelöst. Auf dem Rück-Schub witzelt ein Entgegenschieber: "Keine Sorge, hinter Dortmund löst der Stau sich auf!" Rückruf aus unserer Fahrtrichtung: "Hinter Duisburg auch!"
Am Stand sind die Kappen und Flyer inzwischen vergriffen, alle Ruhrstadt-Buletten gegessen. Eine der allerletzten Kappen ist an Norbert Lammert gegangen. Der Bundestagspräsident, dezent von zwei sportlichen Bodyguards flankiert, verewigt sich im Gästebuch mit einem politischen Eintrag. Sinngemäß: Wenn der Verkehr im Runrgebiet so metropolitan organisiert wäre wie die Aktion Still-Leben...
Schade, morgen müssen wir wieder Auto fahren.
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, lesen wir zuhause am PC, hat in die allgemeine Euphorie hineinen vorgeschlagen, die Party zu wiederholen. Gute Idee. Für den Fall ein paar gutgemeinte Ratschläge:
1. Die Menschen wollen auf der A 40 nicht sitzen, jedenfalls nicht lange. Sie wollen sich bewegen. Viele Biergartentische waren überflüssig. Dies war der größte Corso der Welt. Der Ruhrstadt-Corso. Man flaniert, um zu sehen und gesehen zu werden.
2. Die Edeka-Trucks, so nützlich sie waren, standen im Weg.
3. Die Auswertung der Fernsehberichte wird zeigen: Die Größe und die Stimmung des Events haben auch schnöselige Redakteure beeindruckt. Aber: DAS Bild der Kulturhauptstadt ist dabei nicht entstanden. Keine Kamera der Welt kann eine 60 Kilometer lange Party einfangen. Jedes Bild kann nur einen winzigen Ausschnitt zeigen, und was man darauf sieht, könnte überall gewesen sein.
3. Den vielen netten Ordnern sollte man nicht den Auftrag erteilen, auf die Einhaltung von Regeln zu achten, deren Einhaltung dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Der Ruhrbürger - vulgo: Ruhri - tut, was vernünftig ist, nicht was die Obrigkeit angeordnet hat. Habt mehr Vertrauen in die Kraft der Selbstorganisation! Habt Vertrauen in die Ruhrstadt!
| Jörg Lenzeh-j.lenze@arcor.de25.07.2010 12:16 |
| Hallo ihr alle von der Initiative RuhrStadt, Das Event war ganz toll. Mit so vielen Teilnehmern und Schaulustigen hätte vorher wohl niemand gerechnet. Das muss unbedingt wiederholt werden. Wenn's geht jedes Jahr! Die Tischreihe war überflüssig. Besser: Tische und Bänke bei den Gruppen, die etwas vorführen oder zum Mitmachen einladen. Den Stand mit Speakers Corner in Bochum konnte ich wegen der Staus leider nicht erreichen. Dank und Grüße an alle Beteiligten JÖRG L. |
| Zeilenheldinfo@zeilenheld.dewww.zeilenheld.de18.07.2010 18:34 |
| Es war zwar kein Stillleben, wie es vorher angekündigt war, aber es war hinreißend zu sehen, wie schön, friedlich und mit wie viel Spaß die Ruhrstadt sich selbst entdeckt. Hier ist auch noch ein schönes Bidl dazu: http://twitpic.com/26iscn |