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Größe oder Mittelmaß

von Uwe Knüpfer

 

Nach einem Gespräch mit einem der Oberbürgermeister des Ruhrgebiets bin ich entsetzt: Er erklärte den Regionalverband Ruhr für überflüssig. Denn der RVR leiste wenig und sei teuer. Stattdessen setze er auf die Zusammenarbeit einzelner Städte bei diesem oder jenem Projekt.
Das war gestern, im Juli 2010, wenige Tage nach der „Stillleben“-Party auf der A40, wo Millionen aus allen Winkeln des Reviers und seiner Umgebung erlebten, wie es sich anfühlt, Teil einer echten Metropole zu sein.
Es war der Oberbürgermeister einer Stadt mitten im Revier, der sprach, wie Wolfgang Clement Mitte der neunziger Jahre. Clement wollte den KVR – so hieß der RVR damals noch – abschaffen und durch eine Agentur Ruhr ersetzen. Herausgekommen ist dabei am Ende, nach zähem Gerangel, die Projekt Ruhr GmbH, inzwischen metamorphiert zur metropoleruhr gmbH – als Tochter des RVR.
Solche Verkrampfungen braucht die Ruhrstadt nicht mehr.
Der RVR ist die gewachsene organisatorische Klammer des Ruhrgebiets. Zugegeben: er ist eine schwache, ausgeleierte Klammer. Dem RVR fehlt die direkte demokratische Legitimierung, er wurde in den 1970er Jahren zugunsten der Einzelstädte kastriert, ihm sind viele kluge Geister verlorengegangen. Aber er ist unverzichtbar – und wiederbelebbar. Ohne RVR/KVR wäre Ruhr2010 nicht möglich geworden, das Kulturhauptstadtjahr inclusive der Party auf dem Ruhrschnellweg. Ohne KVR – und seinen Vorgänger, den SVR – gäbe es keine verbindenden Autobahnen im Revier, kein Radwegenetz, keine städteübergreifenden Grünzüge, keine Route der Industriekultur, keine Extraschicht, keine Revierparks, hätte es den Versuch einer Olympiabewerbung nicht im Ansatz gegeben.
Der RVR ist nicht überflüssig, er ist zu schwach. Der alte Landtag hat ihn zuletzt ein wenig gestärkt, der neue sollte ihn, unter Anleitung der neuen Landesregierung, die von zwei Frauen aus dem Ruhrgebiet geführt wird, weiter stärken. Das beginnt mit der Auswahl eines neuen Verbandsdirektors.
Schon ist wieder hinter den Kulissen zu hören, zwar wolle alle Welt den „Mister Ruhr“ an der Spitze des Verbandes sehen – oder auch eine Ms Ruhr - , aber es werde wohl doch nur wieder für eine kleine Lösung reichen. Irgendein mittlerer Verwaltungsbeamter aus einer mittelgroßen Stadt könnte den Karriereschritt seines Lebens machen. Nun könnte dieser Beamte im Laufe der Zeit über sich hinauswachsen, wie einst Gerd Willamowski, aber wieder wären wertvolle Jahre vertan.
Das Ruhrgebiet aber ist bereit dafür, mehr aus seinen Möglichkeiten zu machen. Jetzt. Das war am 18. Juli auf der A40 deutlich zu spüren. Gesucht ist eine Vision, die für zwanzig/dreißig Jahre trägt, die Wachstum möglich macht und Neugier generiert, womöglich weltweit, Neugier auf die Entwicklung einer polyzentrischen Riesenstadt, einer Stadt der Städte; ökonomisch attraktiv, ökologisch vorbildlich.
Der künftige RVR-Verbandsdirektor muss eine Persönlichkeit sein, die diese Vision verkörpert und zu vermitteln versteht, hier und in Düsseldorf, Berlin, Brüssel etcetera.
Es muss jemand sein, den die Oberhäupter der Ruhrstädte als primus inter pares akzeptieren – auch wenn er womöglich schlechter bezahlt wird als ein Landrat. Es muss jemand sein, der den Job nicht des Geldes wegen macht.
Wer mit dem RVR im gegenwärtigen Zustand unzufrieden ist, sollte Größe zeigen und sich auf die Suche nach dieser Persönlichkeit begeben. Oder für immer schweigen und den Rückbau verwalten.


Kommentare
Andre HinsbeckAndre.Hinsbeck@gmx.de03.08.2010 15:02
Uwe Knüpfer, warum schreiben sie nicht offen, das sie mit Frank Baranowski gesprochen haben? Es ist doch ein offenes Geheimnis, das die Oberbürgermeister und Landräte mit dem RVR nicht zufrieden sind. Der RVR leistet wenig und ist teuer. Das kann ich nur bestätigen. Des weiteren, der RVR hat eigene Interessen, eigene Vorstellungen, vorgetragen von den RVR-Politikern. Vorstellungen, die wenig bis gar nicht mit den Vorstellungen der Oberbürgermeister und Landräte übereinstimmten.
H.-J. Kokots.wolters@hoetten-anlagentechnik.de27.07.2010 13:05
Dem gehaltvollen Beitrag von Herrn Uwe Knüpfer ist nur wenig hinzuzufügen.

Das wenige wäre meiner Meinung nach:
Sollten die politischen Parteien eine „schwache Person“ wählen oder besser küren, dann wissen wir staunenden RuhrStadt-Bürger, dass mit RuhrStadt kein Vorankommen geplant ist. Denn: Dieses Projekt braucht eine authentische und durchsetzungsstarke Persönlichkeit!
Wie wäre es denn mit einem engagierten, unparteiischen und zukunftsorientierten Seiteneinsteiger, der auch mal die verkrusteten parteipolitischen und administrativen Strukturen aufmischt.

Warum muss jede maßgebliche Funktion parteipolitische besetzt sein? Wir leiden doch enorm unter der Parteiendemokratie!

Jüngstes Beispiel:
Unser Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt von Merkels Gnaden.
Drei neue Regierungspräsidenten in NRW nach Partei-Proporz bestimmt.

Ich plädiere für eine starke Persönlichkeit aus der Wirtschaft ... ein erfolgreicher Unternehmer oder ein anerkannter führungsstarker Medien-Mann oder Frau.

Ich weiß: Die Politiker fallen in Ohnmacht. Aber für uns RuhrStädter wäre das ein echter Gewinn.


Dorsten, 26.07.2010
H.-J. Kokot

Andre HinsbeckAndre.Hinsbeck@gmx.de27.07.2010 12:59
Dirk Königsmann, die Oberbürgermeister aus Duisburg, Dortmund, Hamm und Hagen können es nicht sein, die Städte liegen nicht in der Mitte. Frau Mühlenfeld und die Landräte fallen logischer weise aus.

Uwe Knüpfer, lassen sie die Katze aus den Sack! Es ist bekannt, welche Oberbürgermeister aus der Mitte des Ruhrgebiets eine Ruhrstadt (Unterzeichner der Ruhrstadt) wollen, und welche nicht.

Übrig bleibt da nicht viel. Viele Städte aus der Mitte haben ja die Flagge auch nicht abgelehnt.

Oder ist es doch einer, der bei der Ruhrstadt einst Unterzeichnet hat?
Andre HinsbeckAndre.Hinsbeck@gmx.de26.07.2010 12:26
Herr Uwe Knüpfer.

Der RVR ist die Vertretung der Ruhrgebietsstädte und Kreise. Doch er vertritt nicht diese Städte und Kreise, sonder der RVR führt schon ein eigenartiges Eigenleben. Der RVR möchte im Grunde seine Mitglieder auflösen, und den eigenen Verband zu Stadt küren. Anders kann ich die Aussagen der Herren Roland Mitschke, Martin Tönnes, von der Beck, Thomas Rommelspacher nicht mehr deuten.
Dirk Königsmanndirk.koenigsmann@papiermagazin.de26.07.2010 10:33
Herr Knüpfer, hören Sie doch auf mit ihren Märchen von der Ruhrstadt (Stadt der Städte).
Mich würde außerdem interessieren welcher OB es war, der sich traut die Wahrheit zu benennen, nämlich, dass wir wahrscheinlich keinen RVR brauchen, und schon gar keine Stadt Ruhr!
Aber es könnte ja jeder Bürgermeister gewesen sein. Denn mir liegen viele Stellungnahmen vor, die ihren Moloch und die Abgrenzungspolitik ablehnen.
Viele Grüße aus dem westfälichen Gelsenkirchen - Buer.

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